Resilienz am Arbeitsplatz – neurowissenschaftlich erklärt
Erfahren Sie, warum Resilienz eine so bedeutende Eigenschaft ist und mit welchen Strategien man sie gezielt aufbaut.
Erfahren Sie, warum Resilienz eine so bedeutende Eigenschaft ist und mit welchen Strategien man sie gezielt aufbaut.
Die Digitalisierung ist noch nicht zu Ende gedacht geschweige denn implementiert, da überholt sie sich mit der Künstlichen Intelligenz schon selbst. Wir leben und arbeiten in Umgebungen, in denen Veränderungen sich nur so überschlagen.
Diesen wilden Galopp fühlen wir auch am Arbeitsplatz – und viele von uns reagieren mit chronischem Stress und Überforderung. Psychische Erkrankungen und Burnout breiten sich unter Beschäftigten mehr und mehr aus. Im Jahr 2023 kamen auf hundert Versicherte der Krankenkasse DAK 323 Arbeitsunfähigkeitstage, wie der DAK Psychreport 2024 ergab. Das sind 52 Prozent mehr als vor zehn Jahren.
Damit laufen wir Gefahr, diejenigen menschlichen Eigenschaften zu wenig zu nutzen, die uns evolutionär so anpassungsfähig gemacht haben und die wir jetzt dringender brauchen denn je: Probleme zu lösen und Transformationen zu gestalten. Diese Eigenschaften sind wichtige Pfeiler von Resilienz.
Resilienz bedeutet, auf herausfordernde Zeiten vorbereitet zu sein, sie gut zu meistern und schließlich gestärkt aus ihnen hervorzugehen.
Das Fundament, um Resilienz in uns als einzelnen Menschen und in unseren Organisationen und Unternehmen aufzubauen, ist unser psychisches Wohlbefinden. Positive Gefühle und Gedanken sind echte Resilienzverstärker und sorgen dafür, dass wir Stress und Herausforderungen anders bewerten und bewältigen – und damit sowohl produktiv und leistungsfähig als auch mental und körperlich gesund bleiben.
Der Weg zu mehr Resilienz führt direkt über unser stärkstes Tool: das menschliche Gehirn. Die Neurowissenschaften zeigen: Wenn wir es verstehen, können wir es so trainieren, dass unser Wohlbefinden steigt. Wir können unser Denken ändern, Stück für Stück. Aber das allein reicht noch nicht, denn die Verantwortung für Resilienz und Wohlbefinden darf nicht ausschließlich eine individuelle sein. Denn positives Denken und Achtsamkeit, das haben die bisherigen Erfahrungen mit diesem seit den frühen 2000er-Jahren immer präsenter werdenden Thema gezeigt, sind kein Allheilmittel. Wir brauchen auch Veränderungen der Arbeitskultur. Unternehmen müssen diese Veränderungen gestalten und das neue Denken auf unsere Arbeitsumgebungen übertragen, um resilient und damit zukunftssicher zu werden.
Dieser Artikel wird auch Ihr Denken verändern, denn Sie werden nach der Lektüre
Resilienz am Arbeitsplatz ist die Fähigkeit, trotz Stress, Herausforderungen und Veränderungen stabil, motiviert und leistungsfähig zu bleiben. Das bedeutet, dass Mitarbeiter – ebenso wie Führungskräfte – die emotionale und mentale Widerstandskraft entwickeln, mit Belastungen umzugehen, sich anzupassen und produktiv zu bleiben.
Unternehmen, die Resilienz am Arbeitsplatz fördern, gestalten ein unterstützendes Arbeitsumfeld, in dem sich alle psychisch sicher fühlen können. Zwischen Resilienz, Mitarbeiterzufriedenheit und Unternehmenserfolg besteht damit ein enger Zusammenhang.
Woran erkennen wir, dass es an Resilienz fehlt?
Stress und Erschöpfung. Mitarbeiter, die nicht ausreichend resilient sind, empfinden Stress intensiver und sind häufiger emotional erschöpft. Sie neigen dazu, sich schneller überfordert und ausgebrannt zu fühlen, da sie sich nach stressreichen Phasen nicht regenerieren können. Die Folgen sind Reizbarkeit und Frustration.
Sinkende Produktivität und Leistungseinbußen. In der Folge sind Mitarbeiter in Stress- oder Krisensituationen weniger produktiv und machen häufiger Fehler. Ihre Konzentration lässt schneller nach, und sie brauchen mehr Zeit für ihre Aufgaben. Die Qualität der Arbeit sinkt.
Vermeidungsverhalten und Prokrastination. Mitarbeitende ohne Resilienz haben oft Schwierigkeiten, Herausforderungen aktiv anzugehen und schieben schwierige Aufgaben vor sich her.
Häufige Krankmeldungen und gesundheitliche Beschwerden. Der Körper und die Psyche werden anfälliger für gesundheitliche Probleme. Stressbedingte Beschwerden wie Schlaflosigkeit, Magen-Darm-Störungen, Kopf- und Rückenschmerzen sowie Herz-Kreislauf-Probleme treten häufiger auf. Die Gefahr von Burnout und depressiven Verstimmungen wächst. Der Krankenstand steigt.
Negativität, sinkende Motivation und eingeschränkte Problemlösungsfähigkeit. Mitarbeitende ohne Resilienz sind eher pessimistisch, klagen über die Arbeitssituation und haben Schwierigkeiten, auch positive Aspekte zu sehen oder Lösungen zu finden. Das geht auf Kosten der Motivation und des Mitarbeiter-Engagements, aber auch der Unternehmensentwicklung.
Konflikte und schwierige Teamarbeit. Im Team führt mangelnde Resilienz häufig zu Spannungen, da betroffene Personen sich weniger unterstützend und kompromissbereit zeigen. Das kann die gesamte Teamdynamik und Zusammenarbeit beeinträchtigen.
Diese Zusammenstellung zeigt, wie eng der Zusammenhang von Stress, Überforderung und psychischer und physischer Gesundheit ist.
Um die Verbindungen zwischen Stress und Krankheit Gesundheit noch besser zu verstehen zu können, tauchen wir nun tiefer in die neurowissenschaftlichen Grundlagen von Resilienz und guter Stressbewältigung ein. Wie kommt es, dass Stress den Menschen so schadet und dass es uns so schwerfällt, aus negativen Gedankenspiralen wieder herauszufinden, wenn wir einmal darinstecken? Was uns zu der Frage führt: Wie ticken wir eigentlich? Wenn wir das erkennen, können wir besser gegensteuern. Und Unternehmen und Führungskräfte sind besser informiert, wenn es darum geht zu entscheiden, wie unsere Arbeitskultur sich ändern muss, damit wir nicht krank werden. Denn das muss sie, wie wir später noch sehen werden.
Tatsächlich sind negative Gedanken eine Art Default-Modus unseres Gehirns. Die Neurowissenschaftlerin Dr. Laura Wünsch, die auch als Management-Beraterin und für Siemens Healthineers gearbeitet hat, sagt, dass 75 Prozent unserer Gedanken negativ sind. Sie hat auch gerade ein neues Buch herausgebracht: Kopfsalat und Bauchgefühl: Neuro-Hacks für mehr Gelassenheit im Job.
„Wir lieben einfach das Drama“, erklärt sie. „Wir fühlen uns zu Defiziten hingezogen.“ Ob die Verspätungen der Deutschen Bahn, der Partner, der den Geburtstag vergisst, die konflikt- und actionreiche Handlung der Netflix-Serie – all das mag unser Gehirn. Es kann sehr viel Zeit in diesem Tunnel verbringen, ohne Licht zu sehen. Denn diese knapp drei Pfund schwere Struktur in unserem Kopf trägt das Erbe von Millionen von Jahren Menschheitsgeschichte: Es reagiert oft besonders intensiv auf negative oder dramatische Informationen, weil es evolutionsbiologisch darauf ausgelegt ist, Gefahren und Bedrohungen schnell zu erkennen. Diese Reaktionsweise, auch Negativity Bias genannt, hat sich entwickelt, um unser Überleben zu sichern.
Nehmen die negativen Gedanken überhand, schadet das jedoch unserer Gesundheit. Die Zusammenhänge zwischen Psyche, Nervensystem und Immunsystem sind Gegenstand eines eigenen interdisziplinären Forschungsbereichs: Der Psychoimmunologie. Laura Wünsch hat auf diesem Gebiet eine besondere Expertise. Sie erklärt: „Wenn wir viele Sorgen, Ängste, depressive Gedanken und Stress haben, wird dies von Ihrem Gehirn über den Vagusnerv an unseren Körper, an den Darm, weitergeleitet und verändert die Art der Hormone, die wir freisetzen. Wir wissen also, dass Menschen, die das häufig tun, höhere Entzündungsraten haben, sodass man sich buchstäblich krank denken kann.“
Negative Gedanken und Gefühle aktivieren das Stresssystem im Körper, sodass größere Mengen Cortisol und andere Stresshormone ausgeschüttet werden. Kurzfristig hat Cortisol eine entzündungshemmende Wirkung, aber bei chronischem Stress kann das System „erschöpfen“, und die entzündungshemmende Wirkung lässt nach. Dann werden vermehrt Entzündungsbotenstoffe freigesetzt, chronische Entzündungsprozesse entstehen. Langfristig führt dies zu chronischer, niedriggradiger Entzündung, die mit verschiedenen Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und sogar Depressionen verbunden ist.
Allerdings sind wir diesen Mechanismen unseres Körpers nicht hilflos ausgeliefert. Denn die Hirn-Darm-Verbindung funktioniert auch für positive Gedanken. Laut Forschern wie Nicholas Humphrey und John Skoyles kann unser Körper durch positive Einflüsse von außen oder Entspannungstechniken eine Art „innere Apotheke“ aktivieren. Gefühle wie Optimismus und Zuversicht stärken dabei das Immunsystem und haben spürbare positive Auswirkungen auf die Gesundheit. Diese enge Verbindung zwischen mentalem Wohlbefinden und körperlicher Gesundheit wird durch zahlreiche Studien untermauert. Eine Aktivität ist Laura Wünsch zufolge besonders hilfreich: Waldbaden fördert nicht nur für die Konzentration. Ein Tag im Grünen erhöht außerdem eine Woche lang 50 Prozent der Killerzellen des Immunsystems.
Wie kommen wir nun zu hilfreichen Gedanken, wenn unser Gehirn doch so anders eingestellt ist? Indem wir beispielsweise lernen, unsere Gedanken wahrzunehmen und ganz bewusst auf positive Dinge richten. Das braucht Übung, ist aber möglich. Laura Wünsch teilt die folgenden beiden Hacks, mit denen wir positives Denken in Alltagsmomenten trainieren können.
Die 1-zu-5-Regel. Wir brauchen fünf positive Begegnungen mit einem Menschen, einem Unternehmen oder einer Marke, um einen einzigen negativen Eindruck zu neutralisieren. Wir halten gerne an diesen negativen Wahrnehmungen fest, auch am Arbeitsplatz: Der Kollege hat nicht gegrüßt, wir stehen nicht im CC einer Mail … Um nicht in den negativen Bewertungen festzustecken, können wir unsere Aufmerksamkeit neu ausrichten und uns bewusst machen, welche positiven Erfahrungen wir mit der Person gemacht haben, über die wir gerade grübeln: Sie hat uns in einer schwierigen Situation vielleicht einmal geholfen, kann gut Fehler zugeben oder hat andere Stärken.
Und wenn wir wirklich einen guten Moment erleben, einen Erfolg oder Freude, empfiehlt Laura Wünsch, innezuhalten und diesen Moment vor unserem geistigen Auge größer zu machen. Sie nennt das den Tinkerbell-Moment – gemeint ist die Fee Tinkerbell aus Peter Pan. Wenn sie etwas oder jemanden mit dem Feenstaub bestäubt und man dabei fest an etwas Schönes oder Erfreuliches denkt, hebt man ab und kann sich schwerelos in der Luft bewegen. Diese Magie können wir auch auf unsere guten Erlebnisse anwenden. „Wissenschaftler empfehlen, bei jeder positiven Erfahrung innezuhalten und sie mit einem Wort zu verstärken. Also zum Beispiel Glückseligkeit. Oder Sie können ein beliebiges lustiges Wort erfinden. Je lustiger es ist, desto nachhaltiger wird es in Ihre Gehirn-Software geschrieben.“
Entscheidend ist also, wie wir unsere Gedanken lenken und auf welche davon wir unsere Aufmerksamkeit richten. Genau das ist aber häufig das Problem in unseren Arbeitsumgebungen – hier sind die Ablenkungen so vielfältig, dass es schwer ist, diese Kontrolle einzuüben.
In vielen Arbeitsumfeldern sorgen beispielsweise veraltete Vorstellungen von Produktivität für Druck, Überstimulierung und eine Flut an Reizen. Die Hustle Culture hat viele Menschen erfasst und ihnen das Gefühl gegeben, dass Erfolg nur durch unermüdliche Arbeit und ständige Produktivität erreichbar ist. Es ist dieser Drang, immer weiterzumachen, keine Pause zuzulassen und sich vollkommen leerzuarbeiten. Bis an die eigene Grenze – und oft darüber hinaus.
Was eigentlich für Fokus und Konzentration sorgen soll, führt damit genau ins Gegenteil: Ins Ausgebranntsein und die Erschöpfung. Hier ein Call, da schnell was lesen, dort kurz was schreiben, dann kommt eine Mail, auf die schnell geantwortet werden muss – Konzentration und Priorisierung bleiben auf der Strecke. Statt uns voll und ganz einer Aufgabe zu widmen, lassen wir uns ständig ablenken.
Wir dürfen nicht vergessen: Wir Menschen stehen diesen Anforderungen unserer modernen Arbeitswelt immer noch mit unserem Steinzeit-Gehirn gegenüber. Wir hatten evolutionär gesehen überhaupt keine Zeit, uns an die Welt anzupassen, wie sie heute ist, mit all den Dingen, die unsere Aufmerksamkeit in alle Richtungen zerren.
– Da sind zum Beispiel unserer Devices, die uns rufen. Unser Smartphone tut das bis zu 150-mal am Tag. Vor allem greifen wir dann zu ihm, wenn wir eigentlich eine kleine Pause mit Nichtstun bräuchten. Wir sind so in der Geschäftigkeit gefangen, dass wir uns keine Auszeit gönnen, sondern uns lieber von dem mittragen lassen, was die Algorithmen in unseren Feed spülen.
Laura Wünsch empfiehlt stattdessen, auf die Auf uns Abs des eigenen Körpers und der eigenen Aufmerksamkeit bewusst zu reagieren und sich einfach in den eigenen Gedanken zu verlieren, sich in sich zurückzuziehen, auch am Schreibtisch. Warum nicht einfach Löcher in die Luft starren? Tiere und Kinder können wir regelmäßig dabei beobachten, sie tun das intuitiv, um zu reagieren. Schon fünf bis zehn Minuten können ein kleinerer innerer Urlaub sein.
– Besonders häufige Videokonferenzen können negative Auswirkungen auf unsere psychische Gesundheit haben. Eine Studie der Universität Ulm zeigte, dass vor allem Personen mit Tendenzen zu emotionaler Instabilität und negativen Emotionen durch viele Videokonferenzen ein erhöhtes Risiko für Burnout- und Depressionssymptome haben könnten. Es ist anstrengend, in viele Gesichter gleichzeitig zu schauen, ohne echten Blickkontakt herzustellen.
Wünsch empfiehlt, Videokonferenzen mit Walks and Talks zu ersetzen, sofern das möglich ist. Denn wir haben unsere Eureka-Momente aber nicht im Sitzen. Dafür sind wir nicht gebaut. Unsere besten Ideen kommen uns nicht in Meetingräumen, vor Kameras und Bildschirmen. Stattdessen empfiehlt Laura Wünsch so viel Bewegung wie möglich. Dafür gibt es einen guten Grund: „Wenn wir laufen, ist es wahrscheinlicher, dass wir in Lösungen denken.“ Wenn die Umwelt in Bewegung gerät, verlieren viele Menschen also ihre Faszination fürs Defizit.
– Ein weiteres Beispiel, wie wir an unserem Gehirn vorbeiarbeiten, ist das Festhalten am Multitasking. Dabei ist es ein Mythos, dass wir mehrere Dinge gleichzeitig erledigen können. In Wahrheit wechseln wir beständig zwischen Aufgaben hin und her, was für unser Gehirn eine enorme Anstrengung ist und sehr erschöpfend. Es ist beispielsweise auch nicht möglich, während einer Präsentation Folien zu lesen und gleichzeitig zuzuhören. Je schneller wir uns vom Multitasking verabschieden, desto besser für unser Gehirn und unser Wohlbefinden.
Das sind nur einige Beispiele, wie unsere Arbeitsumgebungen uns täglich nervös und reizbar werden lassen. Wenn wir uns dazu noch dauernd Sorgen machen, macht uns das krank. Da stellt sich die Frage, wie wir Menschen uns als Spezies mental und emotional auf diese neuen Umgebungen einstellen – und auch, wie wir sie strukturell verändern müssen, damit sie uns dienen und wir darin Resilienz aufbauen können.
Sprechen wir über Resilienz am Arbeitsplatz, die Arbeitsumgebung und Voraussetzungen für psychisches Wohlbefinden, ist ein wichtiger Hebel die Psychologische Sicherheit im Team. Psychologische Sicherheit beschreibt einen Zustand, in dem Mitarbeiter das Vertrauen und die Freiheit haben, ihre Meinungen, Ideen und Bedenken offen zu äußern, ohne dass sie Angst vor negativen Konsequenzen wie Zurückweisung, Bestrafung oder Bloßstellung haben müssen. Mit Schulungen, vorbildhaften Führungskräften und sicheren Feedback-Schleifen die strukturelle Grundlage dafür zu schaffen, ist eine Aufgabe von Unternehmen.
Psychologische Sicherheit macht Teams resilienter, weil sie Raum schafft, um offen zu sprechen, Risiken einzugehen und auch mal Fehler zu machen, ohne Angst vor negativen Konsequenzen. Psychologische Sicherheit bedeutet allerdings nicht, dass man zusammensitzt und alle nett zueinander sind, betont Laura Wünsch. Das führt wieder zu einer gehemmten Atmosphäre, die zur Folge haben kann, dass Teammitglieder sachliche Kritik für nicht sagbar halten. Für ein psychologisch sicheres Umfeld müssen Kollegen einander aber auch widersprechen dürfen, ohne dass es ihre Möglichkeit beeinträchtigt, anschließend zusammen zum Mittagessen zu gehen. Offene Kommunikation stärkt das Vertrauen und fördert den Teamgeist – so können alle kreativer und flexibler auf Herausforderungen reagieren. In einem solchen Umfeld stehen die Teammitglieder füreinander ein, lernen voneinander und meistern schwierige Situationen gemeinsam.
In der Umsetzung ist Offenheit oft nicht immer einfach. Wir tendieren dazu, Menschen in Container zu stecken: Dieser Kollege ist eine Nachteule und kommt später ins Büro. Diese Kollegin strukturiert Präsentationen anders und ungewohnt. Damit haben wir oft schon den ganzen Menschen verurteilt. Diese verabsolutierenden Bewertungen haben wieder mit der Liebe unseres Gehirns zu negativen Gedanken zu tun: Dieses will uns auch vor potenziellen Gefahren warnen, die von unseren Mitmenschen ausgehen. Hier empfiehlt Laura Wünsch einen anderen Blick. Jeder Kollege – und überhaupt jeder Mensch –, den man nicht verändern kann, ist eine Mikrodosis für das emotionale Immunsystem: Sie empfiehlt, sich zu öffnen, den unterschiedlichen Sichtweisen gut zuzuhören und das Gehörte differenziert einzuordnen. Wenn uns die Haltung unseres Gegenübers zur Impffrage nicht gefällt, bedeutet das nicht, dass unser Gesprächspartner nicht vielleicht andere Stärken und gute Seiten hat. Wir können die Widersprüche, die damit einhergehen, aushalten, wenn wir das wollen. Vielleicht verpassen wir durch unsere Konzentration auf das Negative sonst wertvolle Momente der Verbundenheit.
Auch für unsere zwischenmenschlichen Interaktionen gilt damit: Es wichtig, sich auf das Positive zu konzentrieren. Denn für unsere Gesundheit ist tatsächlich Verbindung mit anderen Menschen und Gemeinschaft entscheidend. Soziale Netzwerke und das Smartphone suggerieren uns höchstens ein „Dorf“, aber tatsächlich haben viele von uns sich niemals so alleine gefühlt wie jetzt. Einsamkeit aber ist schlecht für das Immunsystem, weil sie chronischen Stress verursacht und das Stresshormon Cortisol erhöht, was die Abwehrkräfte schwächt. Einsamkeit kann somit Entzündungen fördern und die Anfälligkeit für Krankheiten erhöhen, ähnlich wie andere Risikofaktoren wie Rauchen oder Übergewicht.
Wie können Unternehmen diese neurowissenschaftlichen Erkenntnisse auf ein psychisch gesundes und damit resilienzförderndes Umfeld übertragen? Am besten, indem sie auf verschiedenen Ebenen ansetzen: mit einer Kombination aus Schulungen, strukturellen Anpassungen und persönlicher Unterstützung.
Stressmanagement-Workshops: Viele Unternehmen bieten spezielle Schulungen an, um Mitarbeitern Techniken zur Stressbewältigung und emotionalen Regulierung zu vermitteln. Diese Kurse helfen, die persönliche Resilienz zu stärken und den Umgang mit Drucksituationen zu verbessern.
Meditation, Resilienz- und Achtsamkeitstrainings: Diese Programme bieten praktische Übungen, wie Atemtechniken oder mentale Übungen, die die Fähigkeit zur Selbstregulation und Stressresistenz fördern. Forscher in Philadelphia stellten 2010 die Hypothese auf, dass achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) nach Jon Kabat-Zinn nicht nur das psychosoziale Wohlbefinden verbessern, sondern auch bestimmte Immunmarker beeinflussen könnte. Um dies zu testen, führten sie an einem akademischen Gesundheitszentrum eine Pilotstudie durch, bei der 24 Teilnehmende ohne Autoimmunerkrankung ein achtwöchiges MBSR-Programm absolvierten. Zu Beginn und zwei Wochen nach Abschluss der Therapie wurden Blutproben entnommen. Die Ergebnisse zeigten eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität sowie eine Reduktion von Stress und Angst, Teilnehmer, die ein gesteigertes psychisches Wohlbefinden meldeten, wiesen zudem eine erhöhte Aktivität der natürlichen Killerzellen auf. Damit zeigte das MBSR-Programm sowohl positive Effekte auf das Wohlbefinden als auch auf das Immunsystem.
Gleitzeit und Homeoffice, Work-Life-Balance: Flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, helfen, den Arbeitsalltag besser an individuelle Bedürfnisse anzupassen, was das Wohlbefinden und die Resilienz der Mitarbeitenden stärkt.
Teamgeist und Psychologische Sicherheit. Maßnahmen wie gemeinsame Team-Aktivitäten oder regelmäßige Meetings, die Raum für Austausch und soziale Interaktion bieten, können das Gemeinschaftsgefühl und die soziale Resilienz im Team fördern.
Mitarbeiterberatungsprogramme (Employee Assistance Programs, EAP): Diese Programme bieten Zugang zu vertraulichen Beratungsdiensten, die Mitarbeitenden bei persönlichen oder beruflichen Herausforderungen helfen können.
Coaching und Therapie: Einige Unternehmen bieten Zugang zu Coachings oder psychologischen Beratungen, um Mitarbeitende in stressigen Phasen gezielt zu unterstützen.
Resilienz am Arbeitsplatz bedeutet, auch in stressigen und herausfordernden Zeiten innerlich stark und motiviert zu bleiben. In unserer dynamischen, oft überfordernden Arbeitswelt, die sich durch Digitalisierung und stetige Veränderungen immer schneller wandelt, kann dies eine echte Herausforderung sein. Stress und sogar Burnout sind für viele Menschen Realität. Doch Resilienz – die Fähigkeit, sich an Herausforderungen anzupassen und daran zu wachsen – ist genau das, was uns hilft, nicht nur irgendwie durchzukommen, sondern gestärkt aus schwierigen Phasen hervorzugehen.
Unser psychisches Wohlbefinden ist das Fundament dieser inneren Stärke. Wenn wir uns mental ausgeglichen und unterstützt fühlen, können wir Stress und Schwierigkeiten anders wahrnehmen und besser bewältigen. Das Wissen darum, dass unser Gehirn oft auf negative Gedanken fokussiert ist, kann uns helfen, diesem Muster entgegenzuwirken. Mit kleinen positiven Ritualen und der Kraft des positiven Denkens können wir gezielt daran arbeiten, unsere innere Widerstandskraft zu stärken.
Unternehmen spielen dabei eine wichtige Rolle. Wenn sie eine Kultur schaffen, die Achtsamkeit, Offenheit und Flexibilität unterstützt, fühlen sich Mitarbeitende nicht nur sicher und wertgeschätzt, sondern können auch ihre beste Leistung erbringen. Flexibles Arbeiten, Workshops zur Stressbewältigung und echte Unterstützung durch Kollegen und Führungskräfte schaffen ein Umfeld, in dem Resilienz wachsen kann. So entsteht ein Arbeitsplatz, an dem sich Menschen mit all ihren Fähigkeiten einbringen können und sich auch in schweren Momenten unterstützt fühlen.
Resilienz ist keine starre Eigenschaft – sie ist etwas, das wir gemeinsam, im Austausch und in einem respektvollen Umfeld aufbauen können. Wenn wir uns an unserem Arbeitsplatz gesehen und verstanden fühlen, entfalten wir nicht nur unsere volle Leistungsfähigkeit, sondern bleiben auch langfristig gesund und zufrieden. Ein resilientes Arbeitsumfeld ist somit ein Gewinn für jeden Einzelnen und für das gesamte Unternehmen.
Machen wir uns, unsere Unternehmen und Organisationen, unsere Gesellschaft resilient. Wir werden es brauchen.
Weiteres Lesematerial
HR und Finanzen müssen enger zusammenarbeiten – KI und Daten machen’s möglich. Wie? Experten von Babbel, AVIV und Sandoz verraten es im Video. Jetzt anschauen!
Babbel zeigt, warum Cloud-ERP-Implementierungen mehr mit Menschen als mit Technik zu tun haben – und wie echte Transformation wirklich gelingt.
Vier Führungskräfte von Workday prognostizieren die zentralen HR-Trends für 2025. Sie betonen, wie entscheidend Flexibilität, einzigartige menschliche Eigenschaften und kontinuierliche Weiterbildung für den Aufbau eines erfolgreichen, am Menschen orientierten Arbeitsplatzes sind.